Trend exklusiv: Die Vertreibung des Geldadels

In die hochnoble frühere CREDITANSTALTZENTRALE ziehen Interspar, McFit und Regus ein.
80 Prozent der Fläche sind damit schon vermietet.

Das Gebäude am Wiener Schottenring, das der Bankpatron Albert Salomon Anselm von Rothschild für die Creditanstalt erbauen ließ, stand bei seiner Eröffnung 1912 für einen Hort des Geldadels. Die CA-Zentrale war aber noch bis in die jüngere Vergangenheit, zumindest bis 1997, bis zum Rücktritt von Generaldirektor Guido Schmidt-Chiari – nachdem das Institut in der Bank Austria aufgegangen war–, der Inbegriff für diskrete Geldgeschäfte, Noblesse und auch Standesdünkel; inklusive eigenen Lifts für die Vorstände („Bonzenheber“). Bis vor Kurzem diente das Haus der UniCredit Bank Austria als Headquarter.

Hinkünftig wird es dort um vieles profaner zugehen. Die Liegenschaft wurde vor ein paar Jahren von Privatstiftungen der Familie Koch, ehemals Eigentümer der Kika-Leiner-Möbelkette, gekauft. Der Tiroler Immobilienentwickler Pema, an dem die Kochs einen Hälfteanteil halten, ist mit der Revitalisierung und der Vermarktung betraut. Nur noch die beiden oberen Stockwerke sind zu haben. Für 80 Prozent der vermietbaren Fläche von rund 24.000 Quadratmetern hat Pema-Chef Markus Schafferer schon Abnehmer gefunden. Ins Erdgeschoß, das auch den prunkvollen Kassensaal beherbergt, zieht der Lebensmittelhändler Interspar ein. Die Untergeschoße nimmt die Fitnesscenterkette McFit in Beschlag. Die Beletage geht an den international tätigen Office-Provider Regus, der hauptsächlich kurzfristig benötigte Coworking-Büros anbietet.

In dem secessionistisch-neoklassizistischen Prachtbau werden sich also ab 2020, da ist Eröffnung, Kühlregale, Fitnessgeräte und Mietbüros aneinanderreihen. Die Herren Rothschild und Schmidt-Chiari würden darüber wohl die Contenance verlieren. Eigentümer Herbert Koch hingegen ist erleichtert: „Das ist eine sehr schwierige Immobilie, nicht zuletzt wegen des Denkmalschutzes. Am Anfang hatten wir schon eine gewisse Unsicherheit, ich bin sehr froh, dass wir jetzt über den Berg sind.“ Immo-Profi Schafferer betont: „Das sind wirklich neue Flächen und nicht Verlegungen von einem Standort zum anderen. Außerdem sind alle drei Mieter mit Luxusvarianten bei uns vertreten.“
So ist ein Gourmet-Interspar geplant, der als Benchmark des Konzerns für ganz Europa dienen soll. In das Konzept werden große Gastronomieflächen mit einem gehobenen italienisch-mediterranen Angebot integriert. Als Vorbild wird der Meinl am Graben genannt. Die deutsche McFit-Kette mit Sitz im fränkischen Schlüsselfeld, die 240 Studios in ganz Europa betreibt, hat für das Haus am Schottentor ein neues, luxuriöseres Studiokonzept entwickelt. Man wird dort auch unter einer eigenen Marke auftreten.

Der Vertrag mit der Regus Group bzw. deren Holding IWC über 9.000 Quadratmeter ist die größte Einzelvermietung 2018 in Österreich. Das Unternehmen betreibt fast 3.000 Business-Center in über 900 Städten weltweit. Das Center in der früheren CA-Zentrale wird unter der exklusiveren Marke Spaces temporären Büroraum vom Einzelzimmer für digitale Nomaden bis zur Großfläche vermieten. „Nicht selten wählen auch Großkonzerne solche Lösungen für ihre Länderniederlassungen, weil sie die höhere Flexibilität schätzen“, sagt Schafferer.

Herbert Koch meint, dass durch den Deal mit Regus „die Öffentlichkeit weiterhin Zugang zum architektonischen Juwel Beletage hat“, weil große Allgemeinflächen vorgesehen sind. Bei einer traditionellen Vermietung an ein einziges Unternehmen wäre das nicht der Fall gewesen. Das Oktogon, der legendäre Sitzungssaal der CA in diesem Stockwerk, kann weiterhin auch für Veranstaltungen angemietet werden.

Ein neuer Eingang am Ring soll künftig direkt in diese Etage führen. Den gab es schon bei der Eröffnung des Gebäudes. Weil aber die Stadt Wien 1923 eine Stiegensteuer eingeführt hatte, wurde er geschlossen. Nun wird die für den Eingang nötige Außenstiege wieder aufgebaut. Mit dem Denkmalschutz sind laut Pema nach langwierigen Verhandlungen alle Probleme gelöst, nicht nur die Stiege betreffend.

Ein anderes Risiko ist hingegen noch nicht ausgeräumt. Die Rewe Group hat rechtliche Schritte gegen den Mietvertrag mit Interspar eingeleitet und beruft sich dabei auf eine angebliche mündliche Zusage an Rewe. Wegen des noch immer laufenden Verfahrens wird dazu von Koch kein Kommentar abgegeben, er gehe aber davon aus, mit Spar in einem aufrechten Vertragsverhältnis zu stehen.

Das Gesamtinvestment wird mit rund 300 Millionen Euro angegeben, wobei der Kaufpreis deutlich mehr als die Hälfte davon ausmacht. Auch die beiden noch verfügbaren Stockwerke sollen gewerblich vermietet werden. Luxuswohnungen für betuchte Käufer kommen keine, weil die Familie Koch keine Miteigentümer bei der Immobilie haben möchte.

Gemeinsam wollen die Pema-Partner Koch und Schafferer nun weitere Projekte in Wien entwickeln – der Hauptfokus des Unternehmens liegt ja nach wie vor auf Innsbruck. „Ich bis sehr happy, dass wir uns gefunden haben“, tönt der einstige Möbelhändler, „es ist bemerkenswert, was ein Tiroler in Wien alles zustande bringen kann.“

Autor: ANDREAS LAMPL

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